Chronik

Am 26. Oktober 1903 wurde in München der »Verband der katholischen Burschen vereine Bayerns« gegründet und im Vereinsregister des Amtsge­richts Regensburg eingetragen. Bald entstanden in verschiedenen Gemein­den Lokal vereine.

Auch Kooperator Karl Aertinger, der von den Berichten im »Burschenblatt«, der Zeitschrift für die katholische Burschenschaft Bayerns, tief beeindruckt

war, beschloss, in Tuntenhausen einen Burschenverein zu gründen; »allein groß waren Muth und Begeisterung zur Durchführung dieser herrlichen Idee noch nicht.« So schreibt Aertinger zur Vorgeschichte des Vereins. Ein »Stiefbruderverein«, ein seit 1903 bestehender Burschenverein, der sich »bei der Bevölkerung zwar keiner Sympathien erfreute, gleichwohl aber umso schneidiger zusammenhielt«, stellte sich den Plänen des Kooperators in den Weg.

Zweck des »Burschenvereins Gesellige Unterhaltung«', dessen Statuten am 6. Mai 1903 dem Bezirksamt Aibling übersandt worden waren (StAM LRA 47114), war die »Pflege des Gemeinsinnes und kameradschaftlicher Bezie­hungen unter den Mitgliedern«. Diese waren nicht begeistert von der Idee, daß sie ein »katholischer« Verein werden sollten. Der Kooperator wollte trotzdem Verbindung mit den Burschen aufnehmen und ließ sich im Dezember 1905 zu einer Versammlung einladen. »Viel erwartete er sich nicht, nachdem der Verein erst im Herbst - in Tuntenhausen unerhört - eine .»fidele« Tanzmusik abgehalten hatte.« Immerhin ließen sich die Mit­glieder die Ziele der katholischen Burschenvereine erklären und beschlos­sen, den Zentralpräses zu einer Gründungsversammlung kommen zu las­sen. »Das war der Anfang eines langen Schauspiels.«

Aertinger zögerte mit der Gründung des Vereins, da er »in die fixe Idee von Anfang an verrannt war, nur Sp. (Zentralpräses Spannbrucker) könne einen derartigen Verein mit Ausblick auf Erfolg gründen«.

Freundlicher Zuspruch und ermutigende Worte von anderen Vereinspräsi­des brachten ihn schließlich doch zu der Überzeugung: »Du kannst es so gut wie die anderen ... Darum trotzig allen Schwierigkeiten die Stirn gebo­ten!« So setzte er für den 14. April 1907 die Gründungsversammlung an. Auch ein anonymer Brief, in dem »mehrere Vereinsmitglieder« gegen die Gründung eines katholischen Vereins zu Felde zogen (u.a. mit der Empfeh­lung: »Also seid nur ihr recht katholisch und laßt uns in Ruhe, dann werden wir am ersten fertig, denn zu Bettbrüdern [!] wem ham uns d'Madln viel z'gern.« ), konnte ihn nicht mehr zurückhalten.

34 »wackere Burschen« ließen sich bei der Gründungsversammlung in die Liste eintragen. Bei der ersten Vereinsversammlung kamen weitere dazu, die Vorstandschaft wurde gewählt.

Der Verein übernahm die Statuten des Verbandes der katholischen Bur­schenvereine Bayerns, die sich zum Ziel gesetzt hatten, »Glaube und Sitte, Berufstüchtigkeit und Heimatliebe, Freundschaft und Frohsinn unter der männlichen Jugend auf dem Lande« zu erhalten und zu fördern. »Dieser Zweck wird angestrebt durch: 1. religiöse Veranstaltungen, 2. belehrende und unterhaltende Veranstaltungen, 3. berufliche und staatsbürgerliche Schulung und soziale Einrichtungen, 4. Beratung in Rechtsangelegenheiten, 5. Vereinsblätter und Vereinsbücherei, 6. Turnen und Sport (Deutsche Jugendkraft).« Im Oktober 1907 vernahm der Kooperator zu seiner großen Erleichterung »die frohe Botschaft, daß der hiesige Stiel bruderverein sich heute endlich aufgelöst hat«.

Zur Fahnenweihe am 24. Mai 1908 kam der Zentralpräses Simon Spann-brucker, der den Festgottesdienst hielt. Der Chronist konnte abschließend vermerken: »Das Fest verlief ohne Mißton«. Die weiteren Eintragungen in der Chronik berichten über die Aktivitäten des Burschenvereins: Versamm­lungen, Teilnahme an Fahnenweihen bei Vereinen der Nachbarorte, Rekru-tenabschiede, Singproben. Besondere Erfolge konnten die Burschen mit ihren Theateraufführungen erzielen, mit denen sie bei Stiftungsfesten, Christbaumfeiern und im Fasching viel Publikum anzogen. Darüber freuten sich aber nicht alle Leute: Im Dezember 1908 beschwerte sich der Wirt von Schmidhausen »bitterlich über den Schaden, den seine Wirtschaft durch unseren Verein leide, indem durch die vielen Theater das Publikum nach Tuntenhausen gezogen werde«. Die Auseinandersetzung mit dem Wirt gibt Kooperator Aertinger in seiner Chronik wörtlich wieder: »Wirt: >Dös konst du net verantworten, wenst amol nüberkommst in d’Èwigkeit, was du mir für an Schaden machst.- Präses: >Was ich verantwor­ten kann und was nicht, das lasse ich mir als Priester von Ihnen nicht sagen.< Wirt: >I vaklog Eahna schon z'Münka beim Ordinariat.« Präses: »Freut mich sehr. Wünschn' viel Glück dazu!- Zitternd vor Zorn fuhr er ab.« 1909 wurde Karl Aertinger als Kanonikatsprovisor nach Leobendorf ver­setzt, neuer Präses wurde Josef Weiß, der den Verein bis 1918 leitete. Unter dem 14. August 1914 trug er in die Chronik ein: »Es ist Krieg! Die Mitgliederliste wird kontrolliert. 26 Burschen sind bereits eingerufen, andere werden noch folgen. Die Übrigen sind größtenteils anwesend. An der Karte von Europa wird vom Präses die Kriegslage erklärt. Vormittags war ein Amt für die Mitglieder im Kriege. Ob sie wieder heimkommen?« 22 kamen nicht mehr heim.

Während der Kriegsjahre beschränkten sich die Aktivitäten des Burschen­vereins fast ausschließlich auf die Teilnahme an Seelengottesdiensten für gefallene Mitglieder.

Nach dem Krieg kam das Vereinsleben nur sehr langsam wieder in Schwung. Präses Freiberger konnte in der Generalversammlung am 11. April 1926 im Rückblick auf das vergangene Jahr eine »Aufwärtsentwick­lung des Vereins von 47 größtenteils >toten< Mitgliedern auf 95 lebendige Mitglieder« verzeichnen.

Die ausführlich berichtende und regulär geführte Vereinschronik endet mit dem Vereinsjahr 1936; ein beigelegter Zettel führt die vom Verein 1936-1938 noch wahrgenommenen Termine (Stiftungsfest, Fronleichnamspro­zession, Veteranentag, Beerdigungen von Mitgliedern) auf. In einer parallel geführten zweiten Chronik gab Präses Kaplan Franz Back, schon als Pfarrer von Partenkirchen, 1933 einen Überblick über seine Tätigkeit als Präsens von 1928-31: »... Das Vereinsleben gestaltete sich im Allgemeinen schön und  abwechslungsreich durch Versammlungen ... Ausflüge, Theateraufführungen und Kleinkaliberschießen an 2 Schießstätten. Das religiöse Leben hätte ich gern mehr zur Entfaltung gebracht...“ Das Jahr 1933 bedeutete noch nicht das Ende, aber doch einen Einschnitt für den Burschenverein. Eine Versammlung, die für den 9. Juli angesetzt war, musste abgesagt werden »auf Grund eines Verbotes, nach dem alle öffentlichen und geschlossenen Versammlungen jeglicher Art bis auf weiteres verboten sind.« Die Burschen nahmen aber weiterhin mit ihrer Fahne an Prozessionen und Fahnenweihen teil. Am 19. November wurde das Versammlungsverbot teilweise aufgehoben.

Die Aufzeichnungen des Schriftführers reichen bis ins Jahr 1936, wo sie unvermittelt abbrechen. Von einer regelrechten Auflösung des Vereins ist in den vorhandenen Unterlagen nichts zu finden.

1975 schlössen sich 17 junge Tuntenhausener zu einem »Gaudiburschenverein« zusammen, der aber bald wieder einzuschlafen drohte. Im Mai 1982 beschlossen die »Gaudiburschen«, sich mit anderen jungen Leuten in einem Burschenverein zu organisieren und luden zur Gründungsversammlung beim Wirt in Tuntenhausen ein. 37 Burschen folgten dieser' Einladung. Da die alte Vereinsfahne von 1908 für eine weitere Verwendung zu stark beschädigt war, wurde eine neue angeschafft. 1983 wurde sie im feierlichen Rahmen geweiht. Bei dieser Gelegenheit gab der Burschenverein eine »Festschrift zur Fahnenweihe mit 75jähriger Wiedergründungsfeier« heraus. Der Burschenverein sieht seine Aufgabe heute darin, die Kameradschaft zu pflegen, die Tradition im Ort zu erhalten, die Lebensqualität im Dorf zu heben und das Gemeinschaftsleben zu fördern. So pflegt er alte Bräuche wie das Baumaufstellen bei Hochzeiten und das Waisertweckenfahren bei der Geburt eines Stammhalters. Die Liebe zum Theaterspielen hat auch der neu gegründete Verein entdeckt. Darüber hinaus lädt er zu Fußballspielen mit anderen Vereinen, organisiert Ausflüge und Grillfeste — und Tanzfeste.